„Suchtwissenschaft“ vs. Gewerbliches Geldgewinnspiel

Dem aufmerksamen Leser werden die Anführungszeichen im Titel nicht entgangen sein. Mich stört der Begriff. Die Beschäftigung mit Süchten ist nicht wissenschaftlich – kann nicht wissenschaftlich sein. Die Beschäftigung mit der menschlichen Seele ist Pseudowissenschaft; so auch die Beschäftigung mit Süchten.

Tobias Hayer sieht das anders: seit 2003 beschäftigt sich der Psychologe und Post Doc an der Uni Bremen mit dem Glücksspiel und flutet diverse Zeitschriften mit seinen Publikationen. So auch jüngst das Editorial der Zeitschrift für Wett- und Glücksspielrecht (ZfWG 2016, 173) . Wie der Titel der ZfWG schon sagt: “ … für … Glücksspielrecht“ … ;-).Hayer sieht das anders: seit Beginn seiner Forschung bietet er glücksspielkritisches Material im Überfluss. Hier eine kurze Analyse des Editorials, welches zu lesen ich als Abonnent der ZfWG nicht umhin kam … .

Zitat 1: „… der aktuellen Diskussion um eine evidenzgestützte Regulierung des Glücksspielwesens …“. Anm.:Eine solche Diskussion gibt es nicht. Der Gesetzgeber hat sich mit dem GlüStV 2012 längst entschieden. Die Regulierung ist nicht „evidenzgestützt“ (was soll das überhaupt sein?), sondern umfassend, vgl. Art. 2 GlüStV 2012.

Zitat 2: „… Idee der Verfügbarkeitsbeschränkung ist keineswegs neu“. Anm.: der aktuelle GlüStV trat fast bundesweit am 01.07.2012 in Kraft. Seither wartet die Welt nicht nur auf die 20 Sportwettenkonzessionen; nein auch die besonders im Fokus von Hayer stehenden Spielhallen werden seither landesrechtlich reguliert. Bis dahin gab es den gewerberechtlichen Anspruch auf Erlaubniserteilung nach § 33i der Gewerbeordnung (GewO) – ohne Bedürfnisprüfung! Am 31.07.2016 sind in Berlin alle (!) Erlaubnisse nach § 33i GewO erloschen. Wenn das nicht neu ist … .

Zitat 3: „Mit dem gewerblichen Automatenspiel sind diverse Problemfelder verknüpft“. Anm.: Fußnote 2 dazu führt zu einer eigenen Publikation. Warum? 5 von 11 Fußnoten gehen so vor . Insbesondere die Fußnoten, die die eigene These vom „hohen Suchtpotenzial“ begründen sollen. Wissenschaftlich ist das nicht.

Zitat 4:“ Nach Fiedler belaufen sich Umsätze beim gewerblichen Automatenspiel, die von problematischen und (!) pathologischen Glücksspielern stammen, auf etwa 80%“. Anm.: Mit anderen Worten: 80% des Umsatzes am Automaten stammen von problematischen/pathologischen Spielern. Rein logisch: wer soll das denn glauben? Peren/Clement, auch nicht gerade zwei Glücksspielbefürworter, lassen in der gleichen Ausgabe der ZfWG (Sonderbeilage 2, 22) verlautbaren:“Die Größe des Angebots (für Glücksspiele) scheint nur in einer untergeordneten Rolle die Generierung pathologischer Spieler zu determinieren“. Diametraler geht es wohl kaum … . Hayers „Verfügbarkeitshypothese“ ist schlicht falsch. Und gerade auch die Anknüpfung an die Suchtforschung zu Alkoholismus ist bereits widerlegt (Haase, Der Spieler).

Zitat 5:“ … erklärt sich Spielerschutz von selbst …“. Anm.: Sog. Spielerschutz ist Grundrechtseingriff in die Person, in den Beruf, in das Gewerbe. Grundrechtseingriffe sind nie selbsterklärend, sondern zu rechtfertigen.

Resumée: die menschliche Psyche scheint mir (und nicht nur mir) deutlich komplexer. Ärgerlich, dass die ZfWG als spezialisierte rechtswissenschaftliche Prublikation derart unprofessionell daherkommt.

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